Interview: Aufgrund des Lockdowns infolge des Corona-Virus ist die finanzielle Situation vieler Unternehmen angespannt. Damit fehlen die Offtaker für PPA-Projekte. Christine Lauber und Bassam Darwisch von Vattenfall sind dennoch überzeugt, dass dies nur eine kurzfristige Tendenz ist und Unternehmen an ihren Nachhaltigkeitszielen festhalten. Auch die gefallenen Energiepreise sind kein langfristiges Problem. Eine Vorbereitung auf die pv magazine Roundtable.

Bassam Darwisch ist Head of Renewables Origination und verantwortet das deutsche PPA-Geschäft – sowohl in der Direktvermarktung als auch die PPA- und CPPA-Strukturen bei Vattenfall. Er wird auf den pv magazine Roundtables am 10. Juni sprechen (siehe Kasten).

Foto: Vattenfall

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf den PPA-Markt aus?

Bassam Darwisch: In Folge des Lockdowns durch die Corona-Krise ist die Situation bei vielen Unternehmen, die potenzielle Abnehmer des Stroms aus PPA-Anlagen sind, finanziell angespannt. Daher werden Investitionen aktuell um etwa ein halbes Jahr oder ein Jahr verschoben. Dabei gab es vor Beginn der Corona-Krise ein großes Interesse, woraufhin sich Projektierer bereits Flächen für PPA-Anlagen gesichert haben. Nun sind allerdings die potenziellen Offtaker erst einmal verhalten und dies drückt die Preise. Allerdings sehe ich das eher als vorübergehende Entwicklung, da die wesentlichen Treiber des PPA-Marktes intakt sind. Und ich würde den Unternehmen empfehlen, sich gerade in der momentanen Situation zuverlässig, langfristig und nachhaltig grünen Strom aus PPA-Anlagen zu sichern.

Christine Lauber ist Director Sales and Origination Germany und verantwortlich für das deutsche Großkunden- und Origination-Geschäft innerhalb der Vattenfall Gruppe.

Foto: Vattenfall

Wieso gerade jetzt? Weil der Strompreis derzeit auch so niedrig ist?

Christine Lauber: Die PPA-Verträge orientieren sich neben den Stromgestehungskosten auch am Großhandelsmarkt. In Kontinentaleuropa haben sie damit einen Preishorizont von bis zu fünf Jahren. Bei PPA-Verträgen für Post-EEG-Anlagen sind die Laufzeiten zwischen einem und fünf Jahren, von daher sind die Strompreise im Großhandel dafür ein Maßstab. Für neue PPA-Projekte verlangen Investoren und Banken dagegen eher längere Zeithorizonte für die Preisabsicherung von zehn Jahren und mehr. Da sind verlässliche Prognosen eine Herausforderung und nicht für jeden leistbar, hier orientiert sich der Markt überwiegend an den Stromgestehungskosten. Dazu kommt der Markt für die Herkunftsnachweise, der aktuell keine transparente Preisplattform wie eine Börse hat, was die Preisfindung aus Angebot und Nachfrage der Zertifikate betrifft. Auch die in Ausschreibungen erzielten Ergebnisse dienen als Orientierung für den PPA-Markt. Der Strompreis ist für langfristige PPAs mit mehr als fünf Jahren Laufzeit eher eine Orientierungsgröße, entscheidender sind die Stromgestehungskosten. Preisentscheidend ist das Angebot und die Nachfrage, also wie hoch ist die Nachfrage von Abnehmern, die sich Strom mit speziellen Herkunftsnachweisen sichern wollen,  beispielsweise aus Wind- oder Solarparks in Deutschland, aus alten oder neuen Anlagen. Sie wollen ihre Produktion mit Strom aus bestimmten Photovoltaik-Kraftwerken oder Windparks versorgen.

Die pv magazine Roundtables sind zurück!

Haben Sie noch mehr Fragen an Bassam Darwisch, Head of Renewables Origination bei Vattenfall? Er ist einer der Experten, die in der Markt-Session der pv magazine roundtable Europe Rede und Antwort stehen.

Interaktiv, engagiert, inspirierend, aber diesmal ONLINE. Sie erwarten vier Roundtable an zwei Tagen (9./10. Juni 2020) zu folgenden Themen:

  • Asset Management: Wie lassen sich Erträge von Anlagen durch O&M-Maßnahmen steigern und was lässt sich daraus für neue Anlagen lernen
  • Qualität: Versteckte Risiken verringern: u.a. Wind-Auslegung von Trackern, neue Modultechnolien, Floating PV
  • Nachhaltigkeit: Herausforderungen in der Herstellung und Technologieentwicklung
  • Markt: PPAs und Wasserstoff in der Post-Corona-Ära: Welche Rolle können welche Solarunternehmen spielen?

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Was sind aus ihrer Sicht die wichtigen Nachfragetreiber für den PPA-Markt?

Darwisch: Gerade die Unternehmen aus der Elektromobilitätsbrache haben ein großes Interesse an grünem Strom. Denn die Elektrofahrzeuge machen nur in Kombination mit grünem Strom für Produktion und Fahrbetrieb auch einen nachhaltigen Sinn. Dazu kommen die Automobilzulieferer, aber auch die Chemie- und Tech-Industrie mit großem Energiebedarf. Für sie sind PPAs aus Erneuerbaren-Anlagen als Teil ihrer Dekarbonisierungs- oder jeweiligen Nachhaltigkeitsstrategie wichtig.  Dies sind auch die Bereiche, deren Unternehmen infolge des Lockdowns nun ihre Investitionen wegen der finanziellen Liquiditätssituation teilweise zeitlich etwas verschieben.

Lauber: Vattenfall rät seinen Kunden weiterhin, ihre Versorgung nachhaltig zu vergrünen. Der Markt ist interessiert und es gilt sich, daher zuverlässig und rechtzeitig mit Grünstrom einzudecken. Wir müssen allerdings sehen, inwieweit die Unternehmen aktuell bereit sind, antizyklisch zu investieren.

Sie haben vorhin gesagt, Investitionen würden um ein halbes Jahr bis Jahr verschoben. Sie gehen also eher von einem kurzfristigen Stillstand im PPA-Markt aus?

Darwisch: Ja, ich denke, wir sehen einen kurzfristigen Schock durch Corona. Anlass zur Hoffnung gibt aber die durch Corona ausgelöste EU-weite Debatte, gerade jetzt verstärkt in nachhaltige Technologien zu investieren und die Krise durch Wachstumsinvestitionen zu meistern. Als Unternehmen würde ich mir jetzt neue PPA-Projekte auf dem derzeitigen Preisniveau sichern und dies auch für 10 bis 15 Jahre.

Wann wird sich der Markt erholen?

Lauber: Ich gehe davon aus, dass es bis zum ersten oder zweiten Quartal 2021 dauern wird, ehe die Wirtschaft wieder richtig in Schwung kommt. Dies hängt aber auch davon ab, wie sich die Corona-Krise weiter entwickelt. Man darf auch nicht vergessen, dass es Branchen gibt, die auch von der Corona-Krise profitiert haben, etwa Medizintechnik oder Onlinehändler. Diese halten an ihren Zielen zur Vergrünung ihrer Energieversorgung fest. Damit gibt es eine gewisse Stabilität. Allerdings wird es wohl über das gesamte Jahr hinweg eine starke Dämpfung in der deutschen Industrie insgesamt geben, mit der Folge, dass die Unternehmen ihre Finanzen zusammenhalten werden.

Wird sich der Fokus des PPA-Marktes von neuen zu Post-EEG-Anlagen verschieben?

Lauber: Post-EEG-Anlagen sind durchaus kurzfristig gefragt. Die langfristige Absicherung einer grünen Stromversorgung wird dennoch eher durch neue Anlagen passieren. Ich würde also sagen, es ergänzt sich eher, als dass es sich klar in eine Richtung verschiebt.

Darwisch: Für den Weiterbetrieb von Post-EEG-Anlagen sind viele Betreiber noch zurückhaltend, ihre Anlagen jetzt in einen Weiterführungs-PPA zu geben. In diesem Segment sind die Preise marktorientiert. Die Betreiber haben durchaus erkannt, dass sie dafür ihre Kosten für den Weiterbetrieb drastisch senken müssen. PPAs mit 50 Euro pro Megawattstunde sind für Post-EEG-Anlagen nicht realisierbar. Es handelt sich dort zumeist um kurze Vertragslaufzeiten von einem bis fünf Jahren. Die Preise orientieren sich dafür am Terminmarkt, der einen Preishorizont von bis zu fünf Jahren hat. Unter seinen Stromgestehungskosten wird aber kein Betreiber einen PPA abschließen.

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf die Preise für PPAs in Deutschland aus?

Darwisch: Vor dem Lockdown lagen die Preise für PPAs mit 15 Jahren Laufzeit für neue Photovoltaik-Anlagen bei bis zu 53 Euro pro Megawattstunde. Die derzeitige Covid-19-Situation drückt auf die Preise. Das aktuelle Preisniveau für langfristige PPAs für neue Photovoltaik-Projekte sehen wir daher eher unter der Marke von 50 Euro pro Megawattstunde. Angesichts der Effizienz und Kostenfortschritte bei der Photovoltaik sind die Preisabschläge kurzzeitig ausgleichbar.

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